Testnutzer für Interviews rekrutieren

Der wahrscheinlich wichtigste Teil von Design Sprints ist die Validierung der Prototypen mit Testnutzern am letzten Sprinttag. In den vergangenen Jahren haben wir hunderte von Personen interviewt, um herauszufinden, ob unsere Ideen und Lösungsansätze tatsächlich einen Mehrwert für den Kunden darstellen.

Probanden für Nutzerinterviews zu finden ist für unsere Kunden oft schwierig. Und das, obwohl sie bereits jahrzehntelang am Markt sind und zigtausende, wenn nicht sogar Millionen Kunden haben. Den meisten Unternehmen fehlt einfach der Kanal, über den sie direkt mit den Kunden in Kontakt treten können. Häufig wird die Kontaktaufnahme auch durch komplizierte Datenschutzregelungen erschwert.

Eigentlich ist es aber gar nicht so schwierig, geeignete Testpersonen zu finden – selbst für Nischenthemen oder ganz neue und innovative Geschäftsfelder. Mit ein wenig Kreativität klappt das ohne großen Zeitaufwand und ohne hohe Kosten.

Wir selbst haben bereits vieles ausprobiert und stellen hier die besten Tipps und Tricks vor, wie auch ihr die geeigneten Probanden für eure Nutzertests findet!

Inhalt:

WER… eignet sich für ein Interview?

Wer ist meine Zielgruppe bzw. potentieller Nutzer des Produkts?
Zu allererst sollte man sich Gedanken dazu machen, wer überhaupt als potentieller Nutzer und dementsprechend auch als Testnutzer in Frage kommt.

Variante A: Zielgruppe bereits definiert
Manchmal ist es recht klar, wie die relevante Zielgruppe aussieht – vor allem wenn es im Design Sprint darum geht, ein bestehendes Produkt zu optimieren oder zu erweitern. In diesem Fall solltet ihr versuchen, Nutzer zu rekrutieren, die das Produkt und/oder ein Konkurrenzprodukt bereits nutzen. Sofern statistische oder demografische Daten über die Nutzung des Produkts vorliegen, sollten diese bei der Rekrutierung berücksichtigt werden. Wenn ein Produkt oder Service zum Beispiel zu 80% von Frauen genutzt wird, ist das auch bei der Auswahl potentieller Testnutzer ein wichtiger Faktor, der nicht ignoriert werden sollte.

Variante B: Zielgruppe noch unklar
Oft haben unsere Design Sprints einen sehr explorativen Charakter. Dies bedeutet, dass das Sprint-Team sehr frei in einen Sprint startet und erst am Ende des ersten Sprinttages klar definiert wird, welches Problem für welche Zielgruppe gelöst werden soll. Dies ist überhaupt nicht problematisch, verkürzt einfach nur die Zeit, welche man für die Rekrutierung der Probanden zur Verfügung hat.

Erstellung von Personas
Macht euch darüber Gedanken, welche Eigenschaften, Vorlieben oder Painpoints die Personen in der Zielgruppe gemeinsam haben. Dies kann sowohl bei bestehenden als auch bei komplett neuen Produkten helfen. Gerne arbeiten wir in Sprints daher mit Persona-Templates, die gemeinsam ausgefüllt werden.

Persona Tepmplate

Das Endergebnis im gezeigten Beispiel waren mehrere Personas mit unterschiedlichem Mobilitätsverhalten. Dies stellte auch die Basis für unsere Probanden-Rekrutierung dar und wir konnten aus jeder Persona-Gruppe mehrere Testnutzer einladen.

WANN… sollte man beginnen, zu rekrutieren?

Zielgruppe bekannt:
Wenn bereits klar ist, welche Zielgruppe man interviewen möchte, könnt ihr euch bereits in der Woche vor dem Sprint um die Rekrutierung kümmern. Dies verringert den Zeitdruck und ihr könnt unterschiedliche Kanälen nutzen, um geeignete Personen zu finden.

Zielgruppe noch unbekannt
Bei explorativen Sprints, bei denen frühestens am Ende des ersten Sprinttages die Zielgruppe geklärt ist, starten wir die Rekrutierung für gewöhnlich auch erst dann. Dann heißt es allerdings: Gas geben, da bis zu den Interviews nur wenige Tage bleiben. Hierbei wäre es auch hilfreich, wenn ihr bereits eine Idee habt, auf welchen Kanälen die Zielgruppe unterwegs ist.

Interesse an Design Sprints?

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WO…. findet man geeignete Personen?

Facebook-Ads
Facebook-Ads sind nicht ohne Grund ein sehr beliebtes Werkzeug zur Akquisition von Probanden: Facebook ist nach wie vor das mit Abstand größte soziale Netzwerk mit Nutzern aus unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten und mit breiten Interessensfeldern. Durch die Targeting-Funktion könnt ihr eure Anzeige nur an die Nutzer richten, die bestimmte Kriterien erfüllen. Somit eignet sich Facebook, um auch bei Nischenthemen die passenden Personen zu finden.

Persona Tepmplate

Facebook Direktnachrichten
Oft ist es besser, nicht zu warten, bis sich geeignete Personen melden, sondern sie lieber selbst zu finden und auch direkt zu kontaktieren. Facebook bietet hierzu mit der Open Graph Search ein sehr mächtiges Tool, um zielgerichtet Personen ausfindig zu machen. Da die Suche in Facebook selbst etwas umständlich ist, empfehlen wir euch das tolle Tool peoplefindThor.

Persona Tepmplate

Im gezeigten Beispiel suchen wir Personen, mit denen wir über ihre Erfahrungen im Bereich Carsharing sprechen wollen. Hier gehen wir davon aus, dass die Nutzer, die “Car2Go” und “DriveNow” bei Facebook geliked haben, auch tatsächlich Carsharing-Nutzer sind. Das muss zwar nicht stimmen, aber trifft doch mit hoher Wahrscheinlichkeit zu. Das schöne an dem Tool ist, dass sich mehrere Kriterien kombinieren lassen. Somit können wir uns etliche Personen anzeigen lassen, die den Kriterien unserer definierten Zielgruppe entsprechen.

Persona Tepmplate

Anschließend werden die angezeigten Personen in Facebook per Direkt-Nachricht kontaktiert. Hier empfehlen wir euch, zahlreiche Nachrichten zu versenden. Bei vielen landen Nachrichten von Nicht-Freunden im “Sonstiges”-Ordner und werden somit übersehen. Trotzdem ist diese Strategie sehr zu empfehlen und hat bisher immer zu sehr guten Ergebnissen geführt.

Meetup Gruppen
Neben der Durchführung von Design Sprints sind wir auch in der Berliner Meetup-Szene unterwegs und veranstalten ab und zu Events. Wir sind Gastgeber zweier Gruppen auf Meetup.com (Alternative Leadership sowie Business Design & Growth Hacking). Beide Gruppen haben mittlerweile eine stattliche Anzahl an Mitgliedern (ca. 2100 und ca. 800).

Über die interne Mailfunktion können wir sehr viele Mitglieder ohne großen Aufwand anschreiben und finden auch bei speziellen Themen immer genug Personen, die unseren Kriterien entsprechen.

Persona Tepmplate

Das Ganze funktioniert auch gut mit Gruppen bei anderen Plattformen, wie z.B. Facebook, Xing oder LinkedIn.

Direkt auf Plattformen der Zielgruppe
Wir sprechen die Nutzer auch gerne direkt auf der Plattform an, die Gegenstand des Research-Aspekts bzw. Design Sprints ist. Diese Art der Akquise funktioniert praktisch auf allen “Marketplace-Plattformen”, wo also Anbieter und Nachfrager direkt zusammen kommen.

Wenn es beispielsweise um das Thema “Privates Carsharing” geht, erstellen wir uns ein Profil bei Plattformen wie Drivy oder Turo und schreiben dort andere User an.

Persona Tepmplate

Bei einem Sprint zum Thema Handwerkerservice haben wir beispielsweise auch Plattformen wie ebay Kleinanzeigen und myHammer genutzt, um gezielt diese Zielgruppe anzusprechen.

Geht es um “Mitfahrgelegenheit”, wäre zum Beispiel BlaBlaCar eine gute Plattform, um die geeigneten Leute zu finden. Sucht man hingegen Besitzer von Wohnungen, sind Portale wie Immoscout24, ImmoNet oder auch Airbnb die richtige Anlaufstelle.

Coworking Spaces
Coworking Spaces gibt es mittlerweile in fast jeder größeren Stadt. Da wir in Berlin wohnen, ist die Auswahl für uns entsprechend groß. Aktuell haben wir eine Mitgliedschaft in der Factory und im MotionLab. Dort nutzen wir das Kommunikationstool Slack, das mittlerweile fast jeder Coworking Space seinen Mitgliedern bereitstellt, und erreichen durch wenig Aufwand eine große Gruppe an potentiellen Testnutzern.

Meist ist Slack so organisiert, dass ihr in verschiedenen Channels zielgerichtet nach einem Thema suchen könnt.

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Intranet oder E-Mail
Gerne unterstützen wir auch Unternehmen bei internen Projekten, wie z.B. dem Re-Design von Prozessen und Organisationsstrukturen oder der Einführung neuer Software. In diesem Fall sind es natürlich nicht die Endkunden, mit denen die Ergebnisse des Sprints validiert werden müssen, sondern die eigenen Mitarbeiter des Unternehmens. Um geeignete Kandidaten zu finden, empfehlen wir E-Mail-Verteiler und das Intranet. Auch ein ausgedruckter Aushang im Büro kann Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

 

LinkedIn
Wir lieben es, Experten-Interviews in unsere Sprints zu integrieren! Speziell am ersten Tag führen wir meistens mehrere Telefoninterviews mit Industrieexperten durch und bilden somit eine Wissensgrundlage, auf die man während des Sprints immer wieder zurückgreifen kann. Experten finden wir meist in unserem Netzwerk oder suchen und kontaktieren diese auf LinkedIn. Dort findet ihr zu jedem Thema die passenden Experten.

 

Agenturen
Ihr habt selbstverständlich auch die Möglichkeit, euch an Agenturen zu wenden, die sich auf die Vermittlung von Probanden spezialisiert haben. Dies ist mit weniger Aufwand, aber dafür auch mit höheren Kosten verbunden.

Unsere Erfahrungen mit Probanden von solchen Agenturen sind allerdings sehr unterschiedlich. Manchmal bekommen wir gute Kandidaten, die interessante Sachen zu den Themen berichten können. Oft wurden uns allerdings auch Personen vermittelt, die nur des Geldes wegen in den Datenbanken solcher Agenturen gelistet sind und monatlich bei zahlreichen Interviews oder Umfragen teilnehmen. Dagegen ist grundsätzlich gar nichts einzuwenden. Häufig entsprach die Qualität der Interviews allerdings nicht unseren Erwartungen.

Aus diesem Grund versuchen wir mittlerweile immer, die Probanden selbst zu rekrutieren und greifen nur im Notfall auf Agenturen zurück oder wenn wir Probanden aus einer sehr speziellen, schwer erreichbaren Zielgruppe suchen.

WIE… erhält man garantiert genügend Zusagen??

Kurzer und knackiger Text
Beim Anschreiben empfehlen wir, euch möglichst kurz zu halten und schnell zum Punkt zu kommen. Am besten gebt ihr auch direkt das Datum und den Ort an, wo die Interviews stattfinden werden.

Aus eigener Erfahrung können wir sagen, dass es die Erfolgschancen auf jeden Fall erhöht, wenn die Aufwandsentschädigung bereits im Betreff einer Nachricht erwähnt wird.

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Aufwandsentschädigung
In der Regel zahlen wir 30 bis 100 Euro für Nutzerinterviews mit einer Dauer von einer Stunde. Es lohnt sich, großzügig zu sein und lieber ein bisschen mehr zu zahlen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Probanden kurzfristig absagen ist aus unserer Erfahrung höher, wenn die Aufwandsentschädigung nur 20 oder 30 Euro beträgt. Nichts ist schlimmer, als am Ende einer Sprint-Woche nur zwei oder drei statt der geplanten sechs Testnutzer zu interviewen.

Deswegen: Lieber etwas mehr bezahlen und sicher sein, dass die Leute auch tatsächlich kommen. Geld für Nutzerinterviews auszugeben, ist das beste Investment, was ihr in der Produktentwicklung machen könnt!

 

Link zu Typeform
Egal über welchen Kanal wir rekrutieren, wir versehen unsere Nachricht immer mit einem Link zu dem Umfrage-Tool Typeform, um die interessierten Probanden einen sogenannten “Screener” ausfüllen zu lassen. Damit erfahren wir mehr über die potentiellen Testnutzer und laden nur diejenigen ein, die uns am passendsten erscheinen. Außerdem erleichtert uns Typeform auch deutlich die Terminplanung und -koordinierung.

 

Kritische Faktoren abfragen
Wir suchen meist sogenannte „Power-User“. Diese können viel besser einschätzen, was bereits gut läuft und wo sie Verbesserungspotential sehen. Personen, die einen Service “nur ab und zu” nutzen, fällt dies oft viel schwerer, da die letzte Nutzung bereits zu lange zurückliegt. Sie können sich einfach nicht mehr an Details und Prozessschritte erinnern. Mit Hilfe des Screeners können wir solche Personen also problemlos “aussortieren” und uns auf diejenigen fokussieren, die ein Produkt häufig nutzen.

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Die Nutzungshäufigkeit des Produkts ist natürlich nur eines von vielen möglichen kritischen Faktoren, die ihr in einem Screener abfragen könnt. Oft geht es auch um quantitative Faktoren, wie z.B. das zur Verfügung stehende Netto-Einkommen oder monatliche Ausgaben für Mobilität.

Ihr solltet an dieser Stelle allerdings nicht zu viele Variablen abfragen. Es soll schließlich keine Online-Studie werden, sondern dient lediglich dem Auffinden der bestgeeigneten Probanden. Alles weitere folgt dann im Interview vor Ort.

 

Persönliche & demografische Daten
Nachdem wir die kritischen Faktoren abgefragt haben, folgen noch einige Fragen zu persönlichen und demografischen Daten. Hier empfehlen wir auch, nur das Nötigste abzufragen. In der Regel laden wir für den letzten Sprint-Tag sechs Interviewteilnehmer ein und versuchen, eine gute Mischung bezüglich Geschlecht und Alter zu erhalten. Dementsprechend fragen wir diese Daten ab.

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Hinzu kommen persönliche Daten wie Name, E-Mail und Telefonnummer, damit wir die Personen anschließend kontaktieren können.

Terminslots wählen lassen
Was wir auf jeden Fall vermeiden wollen, sind ewig lange E-mail-Konversationen mit den Probanden. Vor allem für die Terminfindung ist dies oft sehr nervig und auch zeitaufwendig.
Daher bieten wir im Typeform Screener immer die Möglichkeit, die Terminslots auszuwählen, die den Probanden am besten passen. Mehrfachnennungen sind hier natürlich möglich.

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Export der Daten
Wenn ihr den Screener Link auf mehreren Kanälen geteilt oder verschickt habt, sollten sich nach und nach genügend Personen eintragen, die Interesse an einem Interview haben. Typeform bietet die Möglichkeit, die Einträge als Excel-Datei zu exportieren.

Dadurch bekommt ihr eine gute Übersicht über die Interessenten und könnt die Kandidaten gezielt auswählen.

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Anschreiben der Kandidaten
Sobald ihr geeignete Kandidaten ausgesucht habt, könnt ihr diese nun per E-Mail kontaktieren. Die E-Mail sollte nochmals eine kurze Zusammenfassung erhalten und die wichtigsten organisatorischen Daten enthalten, so wie Adresse und Uhrzeit des Interviews.

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Reminder einen Tag vorher
Erfahrungsgemäß vergessen einige Personen einen Interviewtermin, vor allem wenn dieser einige Tage oder sogar 1-2 Wochen vorher vereinbart wurde. Daher empfehlen wir, einen Tag vor dem eigentlichen Interview nochmals eine Erinnerungs-Mail zu schicken.

Für den Fall, dass einer Person etwas anderes “dazwischen gekommen” ist, habt ihr dann noch die Möglichkeit, eine andere Person aus der Liste zu kontaktieren und somit genügend Tester am Folgetag vor Ort zu empfangen.

That’s it

Das waren unsere besten Tipps und Tricks zur Rekrutierung von Probanden. Wenn ihr diese befolgt, seid ihr für eure nächsten Nutzerinterviews bestens gewappnet und solltet keine Probleme haben, genügend geeignete Testnutzer zu finden.

Doch auch wir lernen gerne dazu! Habt ihr andere Methoden der Rekrutierung, die ihr mit uns teilen wollt? Dann schreibt uns gerne eine Mail oder hinterlasst einen Kommentar bei LinkedIn.

Im nächsten Artikel dieser Serie verraten wir euch, wie man Nutzerinterviews optimal vorbereitet.